Kommunikationsmodell "Das innere Team" von Schulz von Thun (Arbeit von Carmen für die Schule aus dem Fach: Kommunikation und Wahrnehmung)

  1. Das innere Team / Schultz von Thun

 Folgende Situation hat sich in meiner Institution vor kurzem zugetragen:

Als ich am Morgen auf unser Haus zulief standen da wie üblich schon viele Menschen vor der Tür und warteten auf Einlass. An diesem Tag aber sass noch eine ältere, mir unbekannte Frau auf dem Boden. Sie sah sehr verwahrlost aus und schien ausserdem etwas verwirrt. Ich fragte sie, ob sie mit hinein in die Wärme kommen möchte. Sie nickte und folgte mir hinauf in unseren Aufenthaltsraum mit den beiden Notbetten. Sie dürfe sich hier gerne hinlegen und etwas ausruhen, meinte ich zu ihr. Sichtlich erleichtert nahm sie mein Angebot sofort an. Ich machte mich auf den Weg nach unten ins Büro, als der erste Bewohner auf mich zukam und mir berichtete, dass diese Frau sich in der Nacht mehrmals ins Haus geschlichen hätte. Er habe daraufhin die Polizei gerufen, schliesslich wäre das ja Hausfriedensbruch. Ein anderer Bewohner kam auf uns zu und schrie herum; die hat mich als pädophil beschimpft, diese blöde Kuh! Ein dritter meinte, er habe ihr Decken gegeben damit sie sich wenigstens in den Hauseingang legen konnte. Meine Bewohner redeten auf mich ein, und meinten ich müsse diese Frau sofort hinausschicken! Die Frau aber schlief inzwischen tief und fest….

 

Mein inneres Team auf der Bühne:

Identifikation der Rollen:

Der kühle Kopf - Die Vorsichtige - Die Barmherzige - Die Ängstliche – Der Alleskönner – Die Selbstzweiflerin – Die Ordentliche – Die Bequeme – Die Gewissenhafte

 

Selbstoffenbarung/Monolog:

-          Es meldete sich der kühle Kopf der mir sagte: „bleib bei den Fakten, sie ist müde und muss sich ausruhen, die Bewohner reden viel!  Schliesslich waren alle auch mal Obdachlos und nun führen sie sich auf wie Richter und haben null Verständnis und Mitgefühl.“

-          Es meldete sich die Vorsichtige: Und wenn die Bewohner recht haben? Wenn sie einfach unerlaubt hier eingedrungen ist könnte sie gefährlich sein.  

-          Es meldete sich die Barmherzige: Die arme Frau ist ganz verwirrt und hat keinen Ort wo sie hingehen kann.

-          Es meldete sich die Ängstliche: Ich hole am besten gleich die Polizei und auch den Notfallpsychiater

-          Der Alleskönner meinte: Lasst mich nur machen, ich weiss auch alleine was hier zu tun ist.

-          Die Selbstzweiflerin meinte; Oh je was soll ich da bloss machen, irgendwie haben doch beide recht.

-          Die Ordentliche meinte: nun lass dich jetzt mal nicht stressen, die Frau schläft und die Bewohner sollen sich erst mal beruhigen. Eins nach dem anderen, sonst kommt das nicht gut.

-          Die Bequeme fügte gleich hinzu: Genau und dann wird sich auch die Situation beruhigen und so wird sich alles von alleine lösen.

-          Und die Gewissenhafte: Regeln sind da um sie zu befolgen. Selbst wenn jemand sie reingelassen hätte, die Bewohner dürfen keine unangemeldeten Besuche über Nacht haben.

Dialog:

-          Jetzt tut doch nicht so als hättet ihr alles im Griff. Wir müssen die Polizei rufen und zwar schnell, sonst könnte hier weiss Gott was alles noch passieren. Wir brauchen Schutz falls es hier zu einer Schlägerei kommt. (Ängstliche)

-          Denkst du wirklich die werden zur rechten Zeit da sein? Ich habe schon oft erlebt, dass man sich selber verteidigen muss, die Polizei kommt doch meistens zu spät, vor allem bei solchen Lappalien wie dieser hier. Deswegen müssen wir bestimmt nicht gleich die Polizei stören, die haben doch wichtigeres zu tun. (Alleskönner)

-          Okay ihr zwei, nun hört doch auf zu streiten, dafür gibt es keinen Grund. Schliesslich können wir in Ruhe alles abchecken. Klärt doch einfach mal ab, was in der Nacht alles gelaufen ist. (Vorsichtige)

-          Und wie bitte sollen wir das anstellen?

-          Na mit den Kameraaufzeichnungen.

-          Da stimme ich euch zu, wir müssen vorher alles genauestens prüfen. (Gewissenhafte)

-          Prüfen. Und wo Habt ihr denn alle kein Herz? Nun seht euch doch diese arme Frau an. Sie schläft friedlich, so lasst sie doch. (Barmherzige)

-          Ja genau, das finde ich auch, nun macht euch doch nicht so einen stress. Easy going (Bequeme)

-          Eins nach dem anderen, genau. (Ordentliche)

 

Akzeptanz/Versöhnung:

-          Nimmst du, liebe Vorsichtige, die Bewohner nicht mehr ernst? Ich weiss, sie haben dir schon viele Unwahrheiten erzählt, deshalb ist es verständlich, wenn du auf den Kameras alles überprüfen möchtest.

-          An die Barmherzige gewandt: Du hast ein Herz für Menschen und das ist dir allein von Gott geschenkt! Mit Barmherzigkeit zu handeln ist nie verkehrt, auch wenn Barmherzigkeit manchmal Strenge bedeutet. Bist du deshalb einverstanden, wenn wir diesmal zuerst überprüfen was gelaufen ist?

-          Ängstliche, du hast mich daran erinnert, dass ich im Vorfeld Massnahmen überprüfen kann. Super, dass ich dank dir daran gedacht habe die Kameras einzusehen.

-          Dank dir, liebe Ordentliche, lasse ich mich nicht unter Druck setzen.

-          Liebe Bequeme, manchmal lösen sich Dinge ganz von selbst und man braucht nur Geduld zu haben, hier jedoch muss ich handeln, weil es ist auch für die Frau selber keine gute Lösung wenn sie hier bleibt.

-          Gewissenhafte, in diesem Falle sind die Regeln sehr wichtig. Ich kann hier keine Ausnahme machen, denn es handelt sich tatsächlich um unerlaubtes Eindringen in ein privates Haus.

Teambildung/Entscheidung:

Weil ich auf den Kameras gesehen habe, dass sich die Frau in der Nacht mehrmals unbemerkt ins Haus geschlichen hatte und auch die Polizei da war, habe ich mich entschieden sie zu wecken um mit ihr zu reden. Ich habe sie darüber aufgeklärt, dass wir ein privates Haus sind in dem Menschen wohnen und dass sie sich deshalb nicht ungebeten im Haus aufhalten darf. Ausserdem sei es auch keinem Bewohner erlaubt, unangemeldeten Besuch über Nacht zu haben.

Ich habe ihr eine Adresse gegeben wo sie hingehen kann und ihr gesagt, dass sie sich einen Monat nicht mehr bei uns im Haus aufhalten darf.  

Die arme Frau hat es verstanden und ist dann auch tatsächlich gegangen. Im Stillen habe ich für sie gebetet. 

 

Reflexion:

Ich habe gemerkt, dass man mit dem Modell des inneren Teams viel bewusster Entscheidungen treffen kann. Durch die Akzeptanz aller Stimmen ist es einfacher, hinter einer Entscheidung zu stehen und gegen aussen zu argumentieren. Durch das praktische anwenden konnte ich beobachten, welch innerlicher Kampf man bei jeder Entscheidung durchläuft. Natürlich werde einfach genügend Zeit zu nehmen.  

 

Teamausflug

Hallo :-)  Darf ich mich Ihnen kurz vorstellen?

Ich bin Carmen Meier, die die euch in den nächsten vier Jahren mit Geschichten rund ums Haus Zueflucht versorgen wird. Ich freue mich sehr, hier meine Praxisausbildung zur Sozialpädagogin HF machen zu dürfen. Den schulischen Teil absolviere ich am icp – dem Institut für christliche Psychologie und Pädagogik. Als gelernte Schreinerin bin ich sehr kreativ und ich habe Freude am Gestalten. Gerne restauriere ich auch alte Möbel.

In meinem ersten Bericht möchte ich euch etwas von unserem Teamausflug erzählen. Organisiert wurde der Tag von Esther, meiner lieben ehemaligen Mitarbeiterin. Das Thema bzw. unser Lernziel war; Übertragungen und Parallelprozesse. Wir versammelten uns alle um 9:00 Uhr vor dem Haus. Mit „Alle“ meine ich das ganze Team, unsere beiden Freiwilligen und auch alle Bewohner die Lust hatten uns zu begleiten. Wir begaben uns auf einen Institutionsrundgang. Dazwischen sollte jeder von uns bei einem kurzen Stopp der Gruppe einen kleinen Beitrag zur Teambildung präsentieren.

Sandra wollte zum Beispiel von jedem wissen wie er sich fühlt und zwar mit einer Pose die diese Gefühle beschreiben. So sah das Ganze dann aus:

 

 Bericht Sozialisation

Über die Entwicklung und Sozialisation von E.L:

Kurzes Interview über ihr Leben:

Genau kann E. nicht sagen, wann die Liebe ihrer Eltern in Hass umschlug. Sie blättert im Fotoalbum. Eine bildschöne, schwangere Frau ist zu sehen, die sich offensichtlich auf ihr Kind freut. Im Alter von vier, als E. eines Nachts vom Streit der Eltern wach wird und ins Wohnzimmer kommt, sieht sie ihre Mutter zwischen Tisch und Couch auf dem Boden liegen. Der Vater, über sie gebeugt, hat ihr eine Gabel in die Brust gestochen. Nach dem „Vorfall“ - wie E. die Katastrophe aus der schützenden Distanz von dreieinhalb Jahrzehnten nüchtern nennt - sei es „deutlich abwärts“ gegangen. Sie erinnert sich an den Lastwagen, der irgendwann vor dem Mietshaus steht: An jenem Tag zieht ihre Mutter mit ihr und den Möbeln aus – ein plötzlicher Abschied vom geliebten Vater. Als sie fünf Jahre alt ist, schleppt ihr Vater sie mit zu seinen häufig wechselnden Freundinnen. Schließlich kommt sie zu J., einer Partnerin des Vaters, bei der er vier Jahre, E. jedoch acht Jahre bleibt. Die Frau schlägt das Kind – „mit allem, was ihr in die Hände kam.“ Als ihre leibliche Mutter stirbt, erfährt E. eher beiläufig davon. Mit fünf Jahren sucht sie sich einen Menschen, von dem sie – als führe sie ein innerer Kompass – weiß, dass sie ihm vertrauen kann. Es ist die Mutter von J. Sie verbringt alle ihre Schulferien bei der alten Frau. „Oma“ erzählt ihr stundenlang Geschichten, nimmt sie in den Arm. Sie bringt Struktur in den Tag: um neun Uhr wird gefrühstückt, um halb eins gibt’s Mittagessen, um drei Kaffee, um sechs wird zu Abend gegessen, und um neun gehen die Lichter aus. E. sucht sich weitere Orte des Rückzugs. Sonntagmorgens flüchtet sie in die Kirche. „Das war ein Schutzhaus für mich“, sagt sie. Sie schaut gern auf die Bilder an den Wänden und in die hohe Kuppel. „Der Glaube an eine höhere Macht hat mir das sichere Gefühl vermittelt, dass alles gerecht wird, dass Menschen, die Böses tun, auch dafür bestraft werden.“ Irgendwann reicht jedoch ihre Kraft nicht mehr, sie sackt in der Schule ab, schwänzt häufig. Sie fängt an Gras zu rauchen und schließlich probiert sie alles aus, was man ihr anbietet: LSD, Kokain, Speed, Heroin. Als sie von J. wieder einmal verprügelt wird flippt E. aus; sie packt J. und schleudert sie mit dem Rücken gegen eine scharfe Bettkante. J. ruft die Polizei. E. erklärt entschlossen: „Ich bleibe nicht mehr hier. Ich gehe lieber ins Heim.“ Dort läuft sie immer wieder weg, kommt aber jedes Mal freiwillig zurück.  Im Heim leben auch Mädchen, die sich gelegentlich prostituieren. E. sagt, dass man so schnell seine Drogen besorgen kann. Mit 16 beginnt sie eine Lehre, bricht diese jedoch wieder ab. Mit 18 läuft sie für immer weg. Seither verbringt E. ihr Leben in verschiedenen Institutionen, zwischendurch war sie immer mal wieder obdachlos. Sie nimmt an Substitutionsprogrammen teil, konsumiert gleichzeitig aber auch Heroin und Kokain.

Deuten der aktuellen Lebenslage aufgrund von sozialisationstheoretischen Konzepten (Primär-, und Sekundärsozialisation):

Sozialisation umfasst alle Vorgänge der Persönlichkeitswerdung des Menschen in der Auseinandersetzung mit der materiellen, geistigen und sozialen Umgebung. In der Primärsozialisation können die Einführung in die basalen Grundfertigkeiten, die Vertrauensentwicklung und das Erlernen grundlegender Werte -auch das Erlernen von emotionalen Äußerungen und verantwortungsvollem Verhalten-  genannt werden. Diese Verantwortung liegt hauptsächlich in der Familie. Die Gewalt des Vaters und der plötzliche Abschied in der Familie von E. haben dazu beigetragen, dass E. kaum ein Urvertrauen entwickeln konnte. Aus ihrem heutigen Verhalten kann ich das auch immer wieder feststellen. Es ist schwierig eine Beziehung zu E. aufzubauen. E. möchte mir ihre Gefühle nicht anvertrauen, auch lügt sie mich immer wieder an.

 

Bei den Aufgaben der Schule (Sekundärsozialisation) werden das Erlernen von gesellschaftlichen Mustern des Umgangs mit Konflikten, Kompromissen, mit Normen und Regeln genannt. Die Sekundärsozialisation setzt Erfahrungen und Kenntnisse der Primärsozialisation voraus. Ich sehe E. zum Zeitpunkt des Eintritts ins Heim eigentlich alleine. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater hat sich nicht mehr blicken lassen, der wunderbare Kontakt zur Oma ist „verflossen“. In der Peergroup hat sie gelernt zu kämpfen und sich alleine durchzuschlagen. E. hat keine spezielle Bindung mit einem der Sozialpädagogen oder Betreuer im Heim erwähnt.

Rollen / sozialer Status / soziale und personale Identitätsbildung / Interaktion mit anderen / Wertkonsistenz

Die Arbeitswelt übernimmt neben der Herausbildung einer eigenständigen Überzeugung auch die Funktion, verschiedene Rollenvorstellungen zu hinterfragen und für sich zu erproben. Rollenpositionen wie Aussenseitertum haben sich in E’s Leben gebildet. E’s sozialer Abstieg (Abbruch der Lehre, Prostitution) haben diese weiter verstärkt.

Pädagogische Handlungsinterventionsmöglichkeiten:

Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, der die Persönlichkeitswerdung des Menschen in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und auch die Rückwirkungen des Menschen auf die Gesellschaft beinhaltet.

Wenn man - so wie ich -  mit Menschen arbeitet die unter ständigem Drogeneinfluss stehen und deshalb auch nicht den Willen besitzen, an der eigenen Situation etwas zu verändern und sich aus ihrer „Komfortzone“ herausbewegen wollen (fehlendes Mandat), ist für mich klar, dass man mögliche „Früchte der Arbeit“ nicht nach geraumer Zeit ernten kann. Dafür braucht es viel Geduld und vor allem auch eine starke Präsenz.

Wenn ich eine fehlende Primärsozialisation nachzuholen will, muss ich das Vertrauen von E. gewinnen können. Denn alte Beziehungserfahrungen werden in neuen Beziehungen aktiviert und Veränderung braucht neue Erfahrungen. Und viel Hoffnung, dass Veränderung möglich ist braucht es auch. Dafür müssen wir positive Erlebnisse zusammen machen können. Ich versuche verbindliche Absprachen zu fördern und gemeinsame Aktivitäten wie essen, putzen oder kochen für Gespräche zu nutzen. Ich möchte gerne herauszufinden, was E. früher einmal Spass gemacht hat, welche Träume und Ziele sie hatte. Im gemeinsamen Gebet versuche ich, sie an ihre Gefühle im „Schutzhaus“ zu erinnern, an ihren Glauben an eine höhere Macht und daran, dass alles Gerecht ist. Hier kann ich ihr auch sagen, dass sie von Gott gewollt ist und dass er sie wertvoll und gut gemacht hat.

Einen hohen Stellenwert hat sicherlich auch die Anteilnahme, mein Einfühlungsvermögen, der Respekt und die positive Grundeinstellung E. gegenüber. Auch ganz alltägliche Selbstverstänlichkeiten wie; aufeinander achten, aufeinander zugehen, aufeinander hören, miteinander sprechen, helfen beim Beziehungsaufbau.