Monatsbericht Juli 2015

Eskalation und Deeskalation – ein Tag voller Überraschungen… 

Es gibt Tage im Haus Zueflucht, da geht es zu und her wie im Taubenschlag! Unlängst hatte uns wieder Einer davon erwischt:

Kurz vor 09:00 Uhr hatten wir bereits gegen acht Besucher, alle mit vollen Säcken um Kleider zu Waschen und dem Bedürfnis nach einer Dusche… Für mich immer eindrücklich wahrzunehmen, dass Menschen welche auf der Strasse leben und keinem geregelten Arbeitsalltag nachgehen, aufgrund ihrer persönlichen Lebenssituation extrem unter Druck stehen und dadurch 24h enormen Stress empfinden. Deshalb kann es auch mal laut werden, wenn es ihnen nicht gelingt, etwas zu erledigen, was sie sich vorgenommen haben. Oft heisst es dann, ruhig zu bleiben, mittels Aufmerksamkeit und gekonnter Gesprächsführung neue und für sie passende Lösungen aufzuzeigen. Selbst dann, wenn es nur um eine Wartezeit von 15 Minuten geht. Bald danach war alles entspannt, sodass wir uns zum wöchentlichen Haus-Zueflucht-bewegt aufmachten. Voller neuer Energie kamen wir zurück von unserer Joggingtour. Kaum zurück, steht einer unser Bewohner im Büro und sagt: „Wir haben einen Notfall im Hause!“ Ich: „Ein Notfall ist, wenn gehandelt werden muss, bevor die Sonne untergeht, alles andere sind Krisen.“ Woraufhin der Bewohner ein Klappmesser zückt und sagt: „entweder sorgt ihr für Ruhe im Haus oder ich gehe zum Bewohner x und regle es selber“. Mir schiesst nun auch „Notfall“ in den Kopf... Kurz zuvor hatte ich an der ZHAW ein Seminar zum Thema „Krisenintervention“ besucht. Ich versuchte somit herauszufinden, ob bereits ein konkreter „Handlungsplan“ zur Umsetzung seiner angedrohten Tat vorliegt. Da ich auf meine konkreten Fragen, konkrete Antworten bekam, taxierte ich die Situation zwar als kritisch, aber dennoch lösbar ohne Einbezug der Polizei. Somit galt es in dieser ersten Phase die beiden Bewohner nicht aufeinander treffen zu lassen. Ein Instrument in unserem Hause ist die schriftliche „Verwarnung“, was nach dreimaligem Auftreten innert Monatsfrist zu einer Zimmer-Kündigung führen kann. Das Ausstellen soll hingegen gut überlegt sein, da es für die Bewohner zusätzlichen Druck darstellt und sich deshalb auch kontraproduktiv auswirken kann. Da ich wusste, dass einer der involvierten Bewohner sich beim Erhalt von Verwarnungen, enttäuscht und wütend für ein paar Tage ins Zimmer zurückzieht, sah ich es dennoch als geeignetes Instrument zur Deeskalation.

Mittlerweile ist wieder Ruhe eingekehrt, alle involvierten haben ein klärendes Gespräch miteinander geführt, sitzen wieder am selben Tisch, trinken Kaffee miteinander und rauchen dabei zufrieden eine Zigarette. Das nenne ich Konfliktmanagement! – Etwas was in grossen Konzernen auf Managementebene allenfalls viel schlechter und langwieriger gelöst wird J?! 

Für mich selber steht schon mein letzter Praktikumsmonat vor der Türe! Die Monate sind nur so verfolgen...! Persönlich durfte ich einige Konfrontationen und Konflikte aushalten und somit in der Lösungsfindung und Deeskalation einiges in meinen Erfahrungsrucksack packen. Auch durfte ich unzählige Besucher und Bewohner in mein Herzen schliessen, welche mir tagtäglich Einblick in ihre Lebenssituation gewährten und mir dadurch ihr Vertrauen schenkten! Bedanken möchte ich mich auch beim Team und dem Vorstand der Franziskanischen Gassenarbeit, welche mir dieses Praktikum überhaupt ermöglicht haben.

Liebe Grüsse, Monika

 

Monatsbericht Juni 2015

Lebensgeschichten…

Täglich gehen bei uns viele Menschen ein und aus. Meist können wir Ihnen einen Teller Essen, eine Dusche oder frische Kleider, manchmal auch ein Bett für eine Nacht und viel wichtiger, ein paar Minuten Zeit für ein kurzes Gespräch schenken.

Dabei fallen Worte wie: „Das Schicksal hat es nicht gut mit mir gemeint“. Dennoch nehme ich war, wie jeder versucht sein Schicksal zu tragen und auch kämpft, wieder Boden unter seinen Füssen zu bekommen.

Habe ich Zeit und kann diesen Menschen einen Moment meine Aufmerksamkeit schenken, erzählen sie mir ihre Geschichten, genauso wie ich erzählen würde, dass ich Joggen oder Schwimmen war… Ganz „normal“ eben, so wie sich ihr „Alltag“ abspielt.

Nachfolgend ein paar kurze Lebensauszüge, wie sie mir im diesen Monat erzählt wurden:

  •  Ich suche eine Übernachtungsmöglichkeit für 1-2 Nächte. Meine Frau ist derzeit wegen Alkoholabhängigkeit im
    Gefängnis und unsere beiden kleinen Kinder (5 Monate und 2.5 Jahre) wurden im Heim platziert.
  • Die Narben an meinem Körper stammen von einem Arbeitsunfall in England, als ich schwarzgearbeitet hatte. Seitdem habe ich täglich schlimme Schmerzen, trotzdem möchte ich nichts lieber als wieder einer geregelten Arbeit nachgehen.
  • Als Teenagerin war ich Magersüchtig. Später hatte ich einen Mann geheiratet, der mich nach der Trennung fest unter Druck setzte, sodass ich zu einer Kindswegnahme zugestimmt habe. Gleichzeitig hab ich meinen Job verloren und ein Burnout erlitten, wovon ich mich bis heute nicht erholt habe.
  • Nach meinem mehrmonatigen Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik hab ich mich am Meisten auf meine Ratte und die Zeit welche ich mit ihr verbringen kann gefreut. Doch schon in der ersten Woche wurde sie von einem Hunde zu Tode gebissen. Ich habe noch nicht die Kraft gefunden, mich von ihr zu verabschieden und sie an einem für sie passenden Ort zu beerdigen.

Aber nicht nur Menschen gehen bei uns ein und aus, sondern auch unsere Bienen sind fleissig unterwegs und beschenken uns diese Tage mit viel Honig. Beno ist primär mit unserem Jungimker Marcel unterwegs, welcher seine „Bienen-Taufe“ vor kurzem beim Honigschleudern erfahren hatte. Obwohl sein Gesicht aufgrund der vielen Stiche noch mehrere Tage „entstellt“ war, war auch Stolz in seinen Augen auszumachen…


Liebe Grüsse, Monika


 


Monatsbericht Mai 2015

Anlässlich der ersten warmen Sommerabende haben zwei freiwillige Mitarbeiter einen Filmabend organisiert. Die selbergemachten Pizzastücke verschwanden schnell in die Mäuler und auch das Popcorn war bis zum anderen Morgen nicht mehr aufzufinden.

Beno scheint bezüglich seinen Bienen einiges zu tun bekommen: Demnächst soll der erste Honig geschleudert werden, zusätzlich besteht seine Aufmerksamkeit zu verhindern, dass die Bienenvölker nicht ausschwirren, bzw. ihn gar verlassen. Zum Glück wird von zwei Bewohnern bei der Erledigung der Arbeiten unterstützt!

Auch unsere Bewohner spüren merklich den Frühling: es werden Zimmer geputzt, Sachen entsorgt, neue Regale gezimmert und sogar einander beim Aufräumen geholfen!

Ein Bewohner wird zum Ende des Monates eine eigene Wohnung beziehen, seinen eigenen Weg gehen, nachdem er mehrere Jahre bei uns gewohnt hatte. Ebenfalls hatten wir Besuch von einer ehemaligen Bewohnerin, sodass wir ihre feine Küche während 2-3 Tagen geniessen durften.

Liebe Grüsse,
Monika

Monatsbericht April 2015

Auch diesen Monat war einiges los im Haus Zueflucht: 

Mitte April, bei schönstem Frühlingswetter, bekamen wir Besuch von der Theater-Gruppe Schrägi Vögel. Ihre lustige und improvisierte Aufführung, auf unser „Theater-Bühne“ im Garten, wurde vom Publikum mit grossem Applaus goutiert.

In einer richtiggehenden Blitzaktion haben zwischen 1-4 Bewohner innerhalb zweier Wochen unsere Bewohner-Küche ausgebaut, alles entsorgt, neuen Laminat verlegt und eine komplett neue IKEA-Küche passgenau montiert. Ein herzliches Dankeschön in diesem Zusammenhang an den Spender, der die Finanzierung dieses Prachtstückes möglich machte! Aber auch an Luca, der in Co-Leitung mit Beno die schnelle Realisierung sichergestellt hat. So konnte Taggenau zu unserer GV der Franziskanischen Gassenarbeit das neue Prachtstück dem Vorstand und unseren Mitgliedern präsentiert und auch eingeweiht werden. Sehr zur Freude von unserem neuen Vereinspräsidenten Felix Zumbühl.

Auch waren diesen Monat wieder diverse Schul- und Religionsklassen zu Besuch, welche uns mit superfeinem Essen versorgten. Wir durften ihnen dabei einen Einblick ins Thema Sucht, aber auch in das Leben im Haus Zueflucht geben.

Liebe Grüsse,

Monika




Monatsbericht März 2015

Abschiede und Neuanfänge…

Zum Ende von diesem Monat durften wir uns von einer unserer Bewohnerin feierlich verabschieden, sie hat mehrere Jahre bei uns gewohnt. Möge ihr ein guter Neu-Start in ihrem Herkunftsland gelingen! Das frei gewordene Zimmer ist bereits wieder besetzt,  auch unserem neuen Bewohner wünschen wir einen guten Neuanfang!

Gleichzeitig mit den ersten Frühlingsstrahlen wird auch unser Mittagstisch weniger von den Leuten der Strasse aufgesucht. Möge es auch für sie ein Neuanfang, allenfalls sogar in Form eines Jobs mit Einkommen sein und nicht nur, dass sie vorerst keine wärmende Stube mehr brauchen.

Auch mein Neuanfang ist weiterhin täglich mit unvorhergesehenem bestückt. Gut so, dadurch kann ich möglichst viel in meinen offenen Sozialarbeiter-Rucksack packen.

Ganz neu haben wir das Projekt „Haus Zueflucht bewegt“ eingeläutet. Eine erste Jogging und Rumpf-Stabilisationsrunde liegt bereits hinter uns :-)...

Und unsere Besucher konnten ihre eigene Dusch- und Badezone im UG in Betrieb nehmen.

Ich wünsche allen eine gute Osterzeit!


Liebe Grüsse,
Monika

 
 

Monatsbericht Februar 2015

 

Leben ist Veränderung… Dies gilt in verschiedensten Formen immer auch im Haus Zueflucht! Mit dazu gehört, dass alle 6 Monate eine neue Praktikantin ihren beruflichen Erfahrungs-Rucksack als zukünftige Sozialarbeiterin hier füllen darf.

 

So kann ich von Februar bis August 2015 mein erstes Vertiefungspraktikum, als Studentin der ZHAW in Sozialer Arbeit, im Haus Zueflucht absolvieren. Nach 20-jähriger Tätigkeit als Informatikerin habe ich vor 2 Jahren meine zweite Berufsausbildung zur Sozialarbeiterin aufgenommen. Mein Vorpraktikum als Sozialpädagogin in einem Sonderschulheim für verhaltensauffällige Jugendliche bestätigte mir, wie breit die Tätigkeiten der Sozialen Arbeit ist und dass meine Neuausrichtung richtig war. Insofern freue ich mich täglich Neues dazuzulernen, flexibel und spontan zu bleiben und immer nach vorne zu schauen.

 

Im Haus Zueflucht wurde ich von den Mitarbeitern, Bewohnern und Besuchern sehr herzlich empfangen. Jeder Tag gestaltet sich neben wichtigen Eckpunkten aufs Neue abwechslungsreich, breit bestückt mit Unvorhergesehenem.

 

Heute steht der Abschied von unserer jetzigen Praktikantin an. Ein Abschied der ihr schmerzt. Auch stehen Ein- und Auszüge im Hause an, die neuen Bienenkurse starten am Samstag und der Frühling kündigt sich mit ersten Sonnenstrahlen an, was zusätzlich Leben auf unseren Gartenplatz bringt.

 

Ich werde in regelmässigen Abständen während meiner Praktikumszeit über das Geschehen im Hause berichten und Danke dem Verein Franziskanische Gassenarbeit für die Ermöglichung dieses Praktikumsplatzes!

 

Liebe Grüsse,

Monika