Doris

von Beno Kehl

In der Fastenzeit 2000 fuhr ich mit dem Bus von der Arbeit auf der Gasse nachhause. Als Doris mich im Bus entdeckte, kam sie sofort auf mich zu und begann zu erzählen. Doris war eine Drogenprostituierte und wohl eine der am schlimmsten heruntergekommenen Süchtigen, die ich in Zürich kannte.

Sie lachte und weinte während sie mit mir redete.

Sie sagte mir, dass sie mit den Drogen aufhören wolle, dann erzählte sie von ihren großen Plänen, als Leiterin in einer Entzugsklinik, dann fluchte sie wieder über die perversen Freier, die nicht bezahlen wollten, dann fragte sie mich, wie es mir gehe und bevor ich antworten konnte, rief sie: "Schau, dort im Schaufenster, diese Hifi-Stereo-Anlage werde ich mir kaufen ..." Ich hatte schon oft verwirrten oder psychotischen Menschen zugehört, aber dieses Mal war es speziell und mir war, als ob mir der Schutzengel zuflüsterte, sie ist jetzt im Karussell von Leben und Tod und die Sucht treibt es gefährlich schnell an. Versuch einfach zuzuhören, vielleicht kannst du auf ihr "Karussell" aufspringen und einige unvergessliche und lehrreiche Runden mit ihr drehen.

Doris war immer noch am Erzählen über dies und jenes, dann sagte sie in völliger Klarheit. "Gell, Benno, du kannst mir nicht richtig folgen?" Ich schaute sie nur mit großen Augen an. Dann fasste sie mich an meine Kutte und sagte "Weißt du, ich spreche jetzt vom 2ten zum 10ten vom 100sten zum 38ten und so weiter, aber vertrau mir, am Schluss wird es zu einem Ganzen ... und übrigens kannst du mir nicht helfen, mein Zimmer etwas aufzuräumen? Du brauchst aber Lederhandschuhe, denn es ist alles voller Spritzen und Nadeln. Ja, zudem bin ich nicht nur HIV-positiv, sondern habe von den Freiern noch allerlei andere Krankheiten und gell, du kommst zu mir filmen, wenn ich Drogen konsumiere?" "Was soll ich?", fragte ich. "Ich habe eine Filmkamera und möchte, dass mich jemand filmt, wenn ich Drogen nehme." "Wie kommst du zu einer Filmkamera ...?" Sie lachte, "ja, du weißt schon, wie das bei uns so läuft ..." "Gekauft hast du sie jedenfalls nicht", sagte ich. "Du weißt ja, wofür ich das Geld brauche, aber sagen wir so, sie ist 'geklauft', dann weinte sie wieder, es war wirklich ein Wechselbad der Gefühle. Die Leute im Bus schauten uns fragend an, was will der Ordensmann mit dieser verwirrten Drogen-Frau? Mir war das egal, denn ich bin es inzwischen gewohnt, dass die Leute alles Mögliche über mich denken und erzählen. Vieles hat eine gewisse Wahrheit und vieles ist schon sehr verdreht, aber was soll's, dachte ich, ich bin, was ich bin, nicht mehr und nicht weniger als das, was ich vor Gott bin, wie Franziskus uns in seinen Schriften lehrt.

Dann schleppte mich Doris zu sich nachhause, drückte mir die Videokamera in die Hand. Damals wusste ich noch überhaupt nicht, wie diese Technologie funktioniert. Zum Glück war der Akku leer. "Ich möchte aber, dass du mich beim Drogenkonsumieren aufzeichnest, ich habe kein einziges Bild von dieser Zeit und ich mache das schon mehr als das halbe Leben. Drogen, das ist doch ein wesentlicher Teil von mir ..." Irgendwie gelang es ihr, eine alte Fotokamera mit Film aufzutreiben, während ich Putzzeug und Lederhandschuhe organisierte. Es ist schwer, dieses Drogenelend anzuschauen, ohne etwas zu tun, deshalb begann ich in einer Ecke aufzuräumen. "He, schau hier die Kamera", sagt sie und drückte mir die Kamera in die Hand. Immer wieder sagte sie, ich solle ein Foto machen. "Und jetzt muss ich den Drogenflash genießen, du kannst ja solange etwas aufräumen." Die Situation war vollkommen krank und absurd.

Nach dem ich die Bilder gemacht hatte, war ich ganz bleich und Doris meinte: "Komm, wir gehen etwas an die frische Luft." Draußen saßen wir miteinander auf dem Kiesplatz. Sie begann wieder zu erzählen, neben uns war die einzige Blume, die im Kies wuchs. Sie sagte: "Schau, bei mir sieht es aus wie auf diesem Kiesplatz. Alles tot, keine Arbeit, keine vernünftigen Beziehungen, der Kontakt zur Familie habe ich verloren und um meine Gesundheit mit Aids, Tripper und Hepatitis steht es schlecht. Aber ich hab Hoffnung, so wie diese hübsche blaue Blume mitten im Kies wächst, so habe ich Hoffnung mitten im Elend meiner Situation, dass ich mein ganzes Schicksal ändern werde mit der Hilfe Jesu." Sie wollte mir die Blume schenken, aber ich wollte sie nicht, da ich ihre Hoffnung auf Änderung schlichtweg nicht teilen konnte. Ein Maler in weißer Arbeitskleidung kam vorbei. Doris hüpfte auf und schenkte ihm die Blume der kleinen Hoffnung. Er schaute verdutzt drein und ging mit der Blume der kleinen Hoffnung und einem Lächeln im Gesicht weiter.

Als ich die Fotos nach der Entwicklung abholte, wurde es mir beinahe übel und für mich war klar, das war zu viel. Jetzt ist Schluss mit der Gassenarbeit. Drei Tage lang drehten sich diese Bilder wie wild in meinem Kopf, ich legte sie in meiner Klosterzelle auf den Boden und versuchte einzuordnen, was ich da erlebt hatte. Das erste Bild zum Beispiel zeigt, wie Doris in den Unterhosen dasteht. Man sieht, wie sie ihre Fixertasche vor ihren Füßen auf den Boden auskippt. Am Boden liegen Kondome, Spritzen, Nadeln, Schokolade, Brot, Schminkzeug, Papier, Zigaretten und vieles mehr. All das, was sie brauchte, um ihre Sucht zu stillen. Auf einem anderen Bild zeigt sie fast stolz ihre Drogen, Heroin und Kokain. Auf einem weiteren sieht man, wie sie die Drogen zum Spritzen vorbereitet und so weiter. Freitags beten wir Brüder in vielen Klöstern gemeinsam den Kreuzweg Jesu. Als wir den 15 Stationen des Leidens Jesus folgten, entdeckte ich, wie ich alles einordnen sollte. Plötzlich sah ich die Parallelen zwischen der Sucht und dem Leidensweg Jesu. Diese Erfahrung wurde mir zu meinem persönlichen Ostererlebnis. Seit diesem Moment habe ich nicht nur Hoffnung für alle Christen, sondern auch für jene, für die die Gesellschaft die Hoffnung aufgegeben hat, und auch für die Schöpfung, für die ganze Menschheit im Gefüge des Kosmos. So erlebe ich diesen Kreuzweg Jesu sozusagen als kosmischen Schlüssel für den Weg der Aussöhnung mit Gott, dem Menschen und der Schöpfung. Der Schlüssel wurde damals vor zwei Tausend Jahren in Christus Jesus gedreht. Und immer wieder, wenn wir über den Kreuzweg Jesu nachdenken, werden in unserem Bewusstsein neue Türen der Gnade geöffnet. In meinem Buch Meditationen der Stille habe ich dieses Erlebnis als Kreuzweg Jesus verarbeitet. Bis heute prägt mich dieses Erlebnis, durch das mir die Einsicht geschenkt wurde, dass alle Menschen erlöst sind, aber es oft nicht wissen und somit in den alten "Gleisen" fahren. Drei Tage später feierten wir Brüder ausnahmsweise mitten am Sonntagnachmittag eine heilige Messe.

Mir gingen immer wieder die Bilder durch den Kopf, Bilder auf denen Doris zu sehen ist, wie sie verzweifelt in ihren blutverschmierten Armen und Beinen herumstochert, um für ihre Drogen wenigstens eine Vene zu finden. Auch wenn ich die Bilder inzwischen mit dem blutigen Kreuzweg Jesu in Verbindung brachte, Hoffnung kam bei mir noch lange nicht auf. In dem Moment, als Priesterbruder Albert die Hostie in die Höhe hielt und sagte: "Das ist mein Leib", und dann den Kelch, "das ist mein Blut zur Vergebung der Sünden", kam Doris unverhofft in die Kapelle herein. Sie sah, wie wir andächtig die Messe feierten und kniete sich zwischen die Brüder. Ich blickte sie an, dann schaute ich wieder auf die Gaben von Brot und Wein und all die Hoffnungslosigkeit, all die schrecklichen Bilder von der blutverschmierten Fixerin mit unzähligen Einstichen, alles wurde für mich emotional erfahrbar im Kelch aufgesogen. Wohl zum ersten Mal konnte ich als Diakon mit einer tiefen eigenen Erfahrung sagen: "Geheimnis des Glaubens", worauf alle antworteten: "Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit." In diesem und in einigen anderen Gebeten in der heiligen Messe kommt die kosmische Dimension dieses Geschehens zum Ausdruck. Das, was in Jesus vor zwei Tausend Jahren geschah, ist für den, der glaubt bis heute in jeder heiligen Messe reinste Gegenwart. Seit dieser Osterzeit hatte ich nie mehr Zweifel, dass durch Gottes Gnade die traurigsten Geschichten auf diesem Planeten zum Segen werden können. Nach der Messe hielten wir noch eine halbe Stunde Meditation. Doris saß in sich versunken wie alle Brüder da. Ich konnte kaum glauben, was ich da sah. Eine der schlimmsten Drogenfrauen saß ruhig und nach innen gekehrt da. Nach der Meditation wurde sie von den Brüdern zum Nachtessen eingeladen. Wir konnten normal mit ihr reden und lachen, haben bei einem Glas Wein die Freude der Auferstehung gefeiert.

Natürlich ging die Geschichte weiter. Nach diesem Abend hatte ich schon die Illusion, dass im Leben von Doris jetzt alles anders war, aber zwei Tage später traf ich sie wieder völlig mit Drogen abgefüllt auf der Straße. Bald schon wurde ich zu ihr ins Krankenhaus gerufen, sie lag im Sterben und verlangte nach mir, ich sollte ihr die heilige Krankenkommunion bringen. Der Arzt stand mit mir am Bett und meinte, es sei gut, dass ich da sei, denn es gehe nicht mehr lange mit Doris. Sie lag röchelnd vor mir und konnte kaum noch sprechen. Ich erteilte ihr die Krankenkommunion und fragte, ob ich noch beten solle, dass Gott ihr soviel Leben gebe, wie sie noch brauche, um vor ihn hinzutreten. Sie nickte. Ich betete und sagte dabei: "Oh, guter Gott, du kennst das Leben von Doris, gib ihr einfach soviel Zeit, wie sie noch braucht, um wirklich vor dich hinzutreten und sei ihr gnädig in der Stunde ihres Todes".

Zwei oder drei Wochen später, wen sah ich plötzlich wieder auf der Gasse herumstressen und mit Drogen dealen? Es war Doris. Ich ging zu ihr hin und fragte sie: "Was machst du denn hier, du müsstest doch schon lange tot sein?" Sie lachte mich zwischen ihrem Drogenstress an und meinte: "Zwei, drei Tage, nachdem du bei mir warst, wurde ich ganz unerwartet gesund und habe mich im Krankenhaus wohl nicht so gut benommen." Ich schaute sie fragend an. "Ich hab einige Medikamente geklaut im Büro der Schwestern. So musste ich die Klinik wieder verlassen und jetzt bin ich da" - und schon war sie wieder mit einem anderen Süchtigen um die nächste Hausecke verschwunden. Ich stand da, schaute zum Himmel und fragte Gott: Was soll das, warum ist sie wieder gesund, hast du sie etwa geheilt? Und wozu? Dass sie noch schlimmer sündigt als vorher? Für so viele brave Leute hatte ich gebetet und sie starben und die wilde Doris bekommt Heilung, was soll das? Da kam mir der Satz aus der Bibel in den Sinn: Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (Mt 5,44-45) Ich war beschämt über mich, weil ich mir anmaßte, dass Gott nur die Braven belohnt. Nein, er liebt und lässt die Sonne über allen Menschen aufgehen, ich soll es genauso machen. So versuche ich seit diesem Tag die Menschen zu lieben, unabhängig davon, was sie tun und lassen. Und es gelingt mir immer etwas besser, auch wenn es Rückfälle gibt.

Einige Zeit später kam Doris in eine tiefe Depression und Krankheit, und es sah wieder so aus, als sei sie am Ziel ihres Lebens, aber es kam ganz anders. Sie riss mehr tot als lebendig aus der Klinik aus, ging auf den Strich und lernte einen Freier kennen. Zwischen ihm und Doris entstand eine Freundschaft, dann eine Liebe. Bei einem weiteren Ausbruchsversuch fiel Doris aus dem Fenster der Klinik auf ein parkendes Auto und verletzte ihr Knie sehr schwer. Sie war längere Zeit an den Rollstuhl gefesselt und ihr neuer Freund besuchte sie regelmäßig. Es war rührend zu sehen, wie die Liebe neu in ihr Leben einbrach und die "Wandlung" beschleunigte. Im Jahr 2007 konnte ich ihre Liebe feierlich auf der Insel segnen, viele Freunde und Familienangehörige waren an der Hochzeitsfeier anwesend. Sie lebt jetzt mit ihrem Mann ohne Heroin und Kokain in einer kleinen Wohnung. Ihre Zähne sind geflickt, sie hat etwas zugenommen, hat eine Katze und kann immer etwas Geld beiseite legen, um mit ihrem Lebenspartner kleine Urlaube in Spanien oder anderswo zu machen. Ihr steifes Bein erinnert sie allerdings noch an den Sturz aus dem Klinikfenster. Kürzlich begleitete sie mich zu einer Hochzeit nach Deutschland. Eine ehemalige Mitarbeiterin, welche Doris auch oft unterstützt hatte, heiratete. Auf der Reise sagte ihr Mann: "Wenn wir genug Geld haben, werden wir schauen, dass wir für mein Schätzli ein 'neues' Kniegelenk bekommen." Das Fünkchen Hoffnung hat es in sich.

Wie tief das Geschehen des Kreuzes in das Leid des Makro- und des Mikrokosmos vorstößt, erahne ich seit dieser Ostererfahrung mit Doris. Nur weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass wir Menschen von Gott her erlöst sind, nur aus dieser Sicht heraus kann ich auch sagen, dass der Mensch im Kosmos und seiner Geschichte eine unglaublich wichtige Rolle spielt. Sonst könnte es leicht nach Größenwahn klingen. Aber dass der Kosmos eigentlich bereits getragen ist vom Erbarmen Gottes, lässt einen frohgemut leben. Ich weiß, dass ich keine Angst davor haben muss, Fehler zu machen, sondern erlebe, dass "denen, die Gott lieben, alles zum Besten gereicht" (nach Röm 8,28).